06.11.2018 - Kult am Ende des Tages...
Bisher zurückgelegte Strecke: 100 Km
Tagesetappe: 28 Km
Von Llaredo nach Güemes
Gesamte Strecke auf dem Camino: 128
Gegen Viertel vor Sieben wälzen ich mich aus dem Hochbett und schleppe meine Klamotten zum Anziehen und Zusammenpacken in die kleine Küche der Klosterherberge.
Ich möchte keinen der anderen Pilger im Zimmer zu früh mit den Einpackgeräuschen nerven.
Außerdem soll es heute ja Frühstück bei den Nonnen geben. Gegen Viertel nach Sieben erscheint nicht nur eine der Ordensschwestern mit einem Teller Küchenstücke, einer Blechkanne Kaffee und Milch, sonder auch die anderen Pilger haben sich schon Mal aus dem Schlafsack geschält.
Es sind Alex und Berni aus der Region um Reutlingen. Beide sind auf dem Jakobsweg ohne eigentlich richtig zu pilgern. Sie sind die einem Monat zu ihrer Weltreise gestartet und diese führt einfach auch nach Santiago der Compostela. Von dort soll es dann weiter nach Portugal und später Afrika gehen. Alex hat einen riesigen Rucksack mit mindestens 30 Kilo Gewicht. Berni zieht einen Gepäckwagen mit über 40 Kilo. Da wird jeder Meter für die beiden zum Krafttraining.
Nach dem Frühstück, ohne noch Mal an der Morgenandacht teilzunehmen, starte ich zur heutigen Etappe.
Zuerst geht es entlang der langgezogenen Strandsichel. Diese endet plötzlich und die einzige Möglichkeit weiter zu kommen ist auf eine kleine Fähre zurückzugreifen.
Diese fährt immer zwischen diesem Strandabschnitt und dem gegenüber liegenden Örtchen Santoña hin und her. Also warte ich geduldig und lasse mich dann übersetzen. Von Santoña aus geht es dann weiter westwärts. Nach ca. 15 Km entlang der Landstrasse richte ich mich landeinwärts um mich in Richtung meines heutigen Zieles zu bewegen.
Im kleinen Örtchen Güemes soll es laut meinem Reiseführer und einigen Youtube-Posts eine ganz besondere Pilgerherbergen geben.
Da nun alles viel ländlicher wird steht nun ein ständiges Runter und Hoch an. Ich bin viel am Schieben, weil es die Steigungen in sich haben. Nach weiteren zwei Stunden erreiche ich Güemes. Leider liegt die Herberge auf einer Anhöhe über dem Ort. Also noch Mal hochschieben.
Aber ich kann nun in Rückblick aus ganzem Herzen sagen, dass sich das wirklich gelohnt hat.
Ich erreiche die Herberge "La Cabaña del abuelo Peuto", die Hütte von Opa Peuto.
Ich werde gleich von einem netten Spanier empfangen der mir zeigt wo mein Rad übernachten darf, wo ich selber unterkomme und das es um 14:00 Uhr Mittagessen gäbe. Der Spanier selber ist aber auch nur ein Freund des Hauses, der hin und wieder Aushilfe. Ausserhalb mir gibt es nur noch eine andere Pilgerin und eine deutsche Hospitalera namens Marlen.
Sie arbeitet eigentlich als Kindergärtnerin an der Deutschen Schule in Bilbao, verbringt aber immer wieder gerne ein paar Tage hier in Güermes.
Alsbald erscheint auch Pater Ernesto. Er ist der Priester der Gegend und Dreh und Angelpunkt dieser Herberge und ihrer Geschichte.
Es ist sein Grossvater, nach dem diese Herberge benannt ist und dessen Familie einst den Grundstein für all das gelegt hat.
Heute hat er regen Besuch. Zwei seiner Schwestern aus Barcelona sind zu Gast und einige der Menschen, die immer wieder hierher kommen und ihm beim Betrieb der Herberge helfen.
Ein herrliches Mittagessen mit Suppe, spanischer Blutwurst, Bratwurst, gebratener Fisch und Pilzen.
Nach dem Essen ist Duschen und Wäschewaschen angesagt. Dann gibt es eine Führung durch das Herbergsareal.
Marlen ist so nett und zeigt uns Pilgern alles. Neben einigen Mehrbettzimmern gibt es noch einige kleine Hütten mit zwei oder vier Betten. In der Sommerzeit kann es hier schon Mal zu Pilgerzahlen bis zu 150 Personen pro Nacht kommen.Dann werden extra große Zelte aufgestellt, damit alle unterkommen.
Wir dürfen auch das Landrover-Museum besuchen. Dort steht eines der Schmuckstücke aus Ernestos Leben. Der Landrover, mit dem er so viele Reisen in alle Bereiche der Welt unternommen hat. Viele Fotos zeigen von tollen Abenteuern und Kontakten zu Menschen, die ihn geprägt haben. Natürlich steht dort auch das erste Fahrrad, mit dem er durch Europa getourt ist und ein alter Motorroller.
Marlen zeigt uns auch den riesigen Garten, indem es nur so von hohen Rosmarinsträuchern wimmelt. Diese hat ein Mal ein Freigänger eines nahen Gefängnisses mit viel Liebe zur Gartenarbeit dort vor Jahren angepflanzt.
Weiter geht es vorbei an einem runden Versammlungsraum mit einer schönen Bildergeschichte an der Wand die von suchenden Menschen erzählt, die dich auf den Weg machen, anderen helfen und so selber zum eigenen Glück finden.
Am Ende unseres Rundgang jedoch steht das Heiligtum von Ernesto. Die Bibliothek.
Sie enthält das Leben von Vater Ernesto. Festgehalten in unzähligen Regalen voller Bücher, Diakästchen, Videokassetten, Fotoalben, etc.
Viele seiner Erfahrungen, Begegnungen oder Erlebnisse hat er auf DIN A3-Bögen aufgeschrieben oder als Foto aufgeklebt.
Diese werden dann eingeschweißt und dienen ihm zur Dokumentation für seine Arbeit. In großen Holzkisten liegen diese Folien dann sortiert auf einem großen Tisch in seiner Bibliothek.
All das schwebt über der Herberge und gibt dem aufmerksamen Besucher ein ganz besonderes Feeling.
Während es draussen weiterregnet geht es alsbald zu Abendessen. Dieses Mal nur im kleinen Kreis, Ernesto hat sich mit seiner Familie zurückgezogen. Ich lasse den Abend mit den anderen vor einem kuscheligen Kaminfeuer ausklingen.
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